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das Virtuelle Klassenzimmer an der CJD Christophorusschule Berchtesgaden
von Thomas Schröder-Klementa
- Bildungsmisere in Deutschland?
- Computer als Allheilmittel
- Was ist das Virtuelle Klassenzimmer?
- Das Virtuelle Klassenzimmer wird europäisch
Bildungsmisere in Deutschland?
Landauf und landab haben in Deutschland die Ergebnisse der PISA-Studie Erstaunen, Kopfschütteln mitunter gar Entsetzen ob des sich darin abzeichnenden Bildungsverfalls an den Gymnasien ausgelöst, und obgleich die detaillierten Ergebnisse beispielsweise bezüglich der Unterschiede des Bildungsniveaus in den einzelnen Ländern der Bundesrepublik Deutschland noch gar nicht vorliegen, kamen die Reaktionen wie erwartet. Wie bei Pawlow gerieten die Reflexe der Bildungspolitiker und solcher, die es schon immer gewusst haben wollen, und es wurden Schlüsse gezogen, die allenfalls Schnellschüsse genannt werden können: gegliedertes Schulsystem versus Gesamtschulen, Ganztagsschulen gegen Vormittagsunterricht, die Vertreter der Chancengleichheit polterten gegen die der pointierten Auslese an Schulen usw. Kultusministerien, Schulen, Lehrkräfte, Lehreraus- und fortbildung reagierten mitunter mehr verstört als zielgerichtet und sahen sich von einer Gesellschaft, die mit viel Häme das Ansehen der Lehrkräfte beim gesamtgesellschaftlichen Image längst dem freien Fall preisgegeben hatte, im Stich gelassen. Dabei hatte man schon jahrelang Anleihen auf dem üppigen Markt der Pädagogik zu nehmen gesucht, landete bei der Suggestopädie, beim Superlearning, durchleuchtete die Neurolinguistische Programmierung, stand somit teilweise längst mit beiden Beinen mitten im Reich der Esoterik und klopfte nebenbei die alterwürdige, aber längst überholte und reichlich diskreditierte Reformpädagogik nach Brauchbarem ab: Lernwerkstatt oder Workshops mussten her, und es wurde weniger zum Fanal geblasen als erratisch gestochert. Insgesamt hatte die Debatte aber den gleichen Ansatz wie bei Kenntnisnahme der TIMSS-Studie (Third Interna-tional Mathematics and Science Stu-dy) einige Jahre zuvor, nur dass heute mehr und mehr Internet und Laptop als Maß aller Dinge und Heilsbringer verkündet werden.
Von der deutschen Bundesbildungsministerin wurde gar die Ausstattung jedes deutschen Schülers mit einem Laptop wenn nicht in Aussicht gestellt, so doch gewünscht, ein Vorschlag, dem angesichts von rund 12 Millionen Schülern in Deutschland und damit verbundenen Kosten notabene ohne Internetanschlüsse, Drucker usw. von mindestens 18 Milliarden Euro jegliche Realitätsnähe abzusprechen ist und der Kopfschütteln nicht nur bei den Finanzministern der Länder ausgelöst hat, ganz abgesehen davon, ob die Idee insgesamt pädagogisch durchdacht ist.
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Computer als Allheilmittel
E-Learning, Internet und Computer zur Wunderwaffe einer sog. deutschen Bildungsmisere zu stilisieren aber lässt befürchten, dass diese Medien und Methoden heute noch hochgejubelt morgen wieder verdammt werden und ohne Weiteres in der pädagogischen Mottenkiste verschwinden wie weiland die hoch gelobten Sprachlabors, weil man dem Computer als pädagogischem Shootingstar eine Rolle in der allgemeinen Bildung aufbürdet, die zu erfüllen er nicht in der Lage ist. Frau Prof. Dr. Rockmann hat diese Befürchtung 1997 artikuliert:
Hierbei ist der Gefahr zu widerstehen, der Faszination des technisch Machbaren zu erliegen. Das große Fähigkeitsspektrum kann schnell dazu verleiten, technische Finessen und Spielereien ohne substantiellen Gehalt in Lernmaterialien zu integrieren, nur weil das Medium die Funktionalität hergibt, und nicht, weil eine pädagogische, psychologische oder fachliche Notwendigkeit gesehen wird (Rockmann & Butz, 1997, S. 141).
Nicht die Ästhetik der Grafiken, nicht die digitalisierte Visualisierung, kurz: nicht die Form darf den pädagogisch-didaktischen Inhalt dominieren, sondern die Funktionalität des Mediums Virtuelles Klassenzimmer muss im Mittelpunkt für das pädagogische Ziel stehen.
Rasch würde sonst der Computer von den Enttäuschten ob der hohen Kosten wieder aus dem Programm gestrichen, was eine höchst bedauerliche Entwicklung wäre, würde man doch damit auch das aus dem Hause kehren, wofür sich der Computer vorzüglich eignet. Deshalb soll nach dem bildungspolitischen Vorspann an dieser Stelle eine kurze Bestandsaufnahme und ein Ausblick auf das E-Learning und das Virtuelle Klassenzimmer der CJD Christophorusschule Berchtesgaden folgen und seine Möglichkeiten, aber auch Grenzen nach heutiger Sichtweise transparent machen.
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Was ist das Virtuelle Klassenzimmer?
Schon vor gut zwei Jahren wurde das Projekt Virtuelles Klassenzimmer an den CJD Christophorusschulen Berchtesgaden aus der Taufe gehoben und versteht sich keineswegs als Antwort auf die Forderung Laptop für jeden Schüler. Laptop und Internet können dabei als Medium durchaus in gewissen Bereichen zur Verbesserung der schulischen Bildung eingesetzt werden, wie es die CJD Christophorusschulen geplant haben, dann nämlich, wenn Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Gründen, weil sie beispielsweise Leistungssportler oder längere Zeit krank sind, größere Unterrichtsausfälle zu verkraften haben.
In diesem Bereich kann die Lernvermittlung über das Netz ansetzen: Laptop während des Trainingslagers bzw. des Wettkampfs im Hotel, gar im Krankenhaus oder bei der Rehabilitation nach einem Kreuzbandriss an die Internatverbindung gestöpselt, und der Zugriff auf den Server der CJD Christophorusschulen wird möglich (www.ski-gymnasium.de).
Auf unserem Server sind im Laufe der Jahre die Inhalte immer dichter und ausführlicher geworden; zwar dominieren Lerninhalte der gymnasialen Oberstufe, dafür aber sind die Zugriffe schon auf die meisten Fächer und Kurse, wie Deutsch, Biologie, Chemie, Geschichte, Mathematik, Physik oder Chemie möglich geworden und werden von Monat zu Monat erweitert. Freilich sind dabei noch so manche Hindernisse und Kosten zu überwinden, und im Notfall müssen die Schülerinnen und Schüler wieder einmal auf das gute alte Faxgerät und ihre Mitschüler zurückgreifen, die sie im fernen Norwegen mit Unterrichtskopien versorgen.
Dabei sind die Kosten, die durch die Anschaffung, die Ausstattung und den Unterhalt entstehen, ganz erheblich, so dass ohne die Mitwirkung von Unterstützern aus Wirtschaft und Politik diese Innovation kaum zu verfolgen ist: Die Belegung eines Servers, die ständige Erweiterung des curricularen Angebots durch die Lehrkräfte und die Umsetzung durch den Systemadministrator lassen beständig Kosten entstehen, die um ein Erhebliches steigen würden, müsste auch ein Großteil der Hardware selbst finanziert werden. Durch die Kooperation des Christlichen Jugenddorfwerks mit dem Deutschen Skiverband, der Universität der Bundeswehr in München, dem Bundesministerium des Inneren und Microsoft als Partner können diese Kosten in einem noch erträglichen Rahmen gehalten werden. Dabei spielt nicht zuletzt Hewlett Packard als Partner eine besondere Rolle, stattet er doch in einer besonderen Sponsoring-Aktion sowohl die Sportler als auch die an der Arbeit im Virtuellen Klassenzimmer Beteiligten mit Laptops aus. Ohne Unterstützung durch Wirtschaft und Politik lassen sich solche Projekte nicht realisieren, weshalb allen Beteiligten an dieser Stelle ausdrücklich Dank gilt!
Das Virtuelle Klassenzimmer wird europäisch
Aus dem Pilotprojekt Virtuelles Klassenzimmer der CJD Christophorusschulen Berchtesgaden wurde unter Anderem auch der Versuch eines europäischen Projekts. Zusammen mit anderen Eliteschulen des Sports aus Österreich und Italien (Schladming, Stams, Mals) wird dieses europäische Gemeinschaftsprojekt zwischen den Ländern Italien, Österreich und Deutschland angesteuert, um Synergien zu nutzen und den Aufwand für die teilnehmenden Partner möglichst gering zu halten.
Nicht übersehen darf man aber auch die Grenzen, die eben nicht den täglichen Unterricht revolutionieren oder gar ersetzen sollen oder können: Wer derlei verlangt, überfordert das Medium. Laptop und Internet können in bestimmten Lernsituationen Lernprozesse verbessern, können die Verbindung zwischen Lehrer, Mitlernenden und Anderen am interaktiven Prozess Beteiligten herstellen und fördern, wenn die direkte Kontaktaufnahme erschwert, behindert oder schlicht gar nicht möglich ist, sei es bei Sportlern im Wettkampf, Training oder im schlimmsten Falle bei Krankheit oder Rehabilitation nach Verletzungen.
Im normalen täglichen Lernprozess aber dürfte zutreffen, was Prof. Dr. Franz E. Weinert, der Direktor des MaxPlanck-lnstituts für psychologische Forschung in München, betont:
Die neuen Medien werden den Schulunterricht nicht revolutionieren. Aber eine nachhaltige Evolution findet statt. Bestimmte Lernprozesse können durch den Einsatz wirksamer Medien verbessert werden. Das interaktive Lernen zwischen Schülern und Lehrer aber bleibt aus intellektueller und aus emotionaler Sicht das Entscheidende. (Rheinischer Merkur 1999)
Bei den doch recht bedeutenden Ausfallzeiten, die unsere Nachwuchssportler schlicht in Kauf nehmen müssen, wenn ihnen der Sprung in die europäische Spitze bzw. Weltspitze gelingen soll, können das Virtuelle Klassenzimmer und digitalisierte Medien aber eine wichtige Rolle übernehmen.
Dass dabei das Virtuelle Klassenzimmer bzw. The European Virtual Classroom einen solchen Beitrag leisten können, haben die ersten, frühen Ergebnisse durch eines der ersten Versuchskaninchen, das mit dem Laptop unterwegs war, unter Beweis gestellt:
Die CJD Christophorusschülerin Evi Sachenbacher schrieb im Jahr 2000 nicht nur das beste Abitur ihres Jahrgangs, sondern wurde im gleichen Zeitraum auch noch Juniorenweltmeisterin. Heute - zwei Jahre später - gewinnt sie in Salt Lake City die Silbermedaille im Langlauf-Sprint und die Goldmedaille in der Staffel! Ein bestechendes Beispiel dafür, dass der schwierige Spagat zwischen schulischer Ausbildung und perfekten Leistungen im Sport bzw. Nachwuchssport zu leisten ist!




